Nachruf auf Luigi Thomasetti

Juliane Werding

Es war am 13. Mai, das Thermometer zeigte 19 Grad,
Es gab Spinat zum Abendessen und mein Vater las das 
Tageblatt,
Und mit vollem Munde kauend rief er: "Hört euch das mal an,
 was hier steht!
Da hat schon wieder so ein Psychopath aus Liebeskummer 
durchgedreht.
Hier ist das Foto von dem Kerl, da sieht man gleich, daß 
was mit dem nicht stimmt.
Ist doch kein Wunder, wenn ein Typ wie der sich irgendwann 
das Leben nimmt."
Und Mama sagte: "Komisch, hab' ich den nicht irgendwo schon
 mal gesehen?
Ist das nicht Luigi Thomasetti aus der Möllerstraße Numero 
10?
Von dem der Vater arbeitslos ist und sich jeden Tag 
sinnvoll betrinkt,
Und wo die Mutter putzen geht und fremde Männer mit nach 
Hause bringt.
Das aus dem nichts werden kann, das hat man ihm schon 
angemerkt als Kind.
Es war ja abzusehn, daß so was eines Tages von der Brücke 
springt."

Und Vater meinte: "Guck mal nach, ob's heute was im 
Fernsehn gibt!
Ich möchte wirklich gern mal wissen, welches Mädchen sich 
in den verliebt.
Bei mir jedenfalls, da käm' so einer gar nicht erst ins 
Haus.
Ich bin doch wirklich tolerant, doch da hakt es bei mir 
aus.
Der greift aus Eifersucht zum Messer, na, du weißt doch, 
wie die Typen sind.
Es ist schon besser, wenn ein Mensch wie der sich 
freiwillig das Leben nimmt."
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Und Mutter meinte: "Komisch, mich hat der immer so nett 
gegrüßt.
Doch das war alles nur Tarnung, damit du nicht die Wahrheit
 siehst.
So einer überlegt doch ständig, wie er dir am besten 
schaden kann.
Es hätte grade noch gefehlt, er macht sich mal an unsre 
Tochter ran.
Was ist denn los, du wirst so blaß, du ißt ja gar nichts 
mehr, mein Kind?
Du mußt das nicht so tragisch nehmen, wenn sich einer mal 
das Leben nimmt."

Ich warf den Löffel auf den Tisch und rief: "Mir vergeht 
der Appetit.
Denn man könnte glatt das Kotzen kriegen, wenn man euch so 
reden sieht.
Ich hab' es lang genug verheimlicht, aber heute muß es 
endlich raus.
Ich bleibe keine Stunde mehr bei euch in diesem verlogenen 
Haus.
Ich sag euch, Luigi Thomasetti war für mich der Größte, den
 es gibt.
Und ich weiß wohl, was ich sage, denn ich habe diesen Mann 
geliebt."
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